Zusammenfassung R1 2017
Dies ist nun schon die vierte Etappe unserer Tour und die erste, bei der wir ein Visum brauchen, um ein kurzes Stück durch Russland zu fahren.
Die Wegbeschilderung setzt dort quasi aus, es gibt generell keine gekennzeichneten Fahrradwege, anders als später in Litauen oder Lettland.
Landschaftlich beeindruckend waren insbesondere die Abschnitte am Frischen Haff und die Überquerung der Kurischen Nehrung mit sagenhaft großen Wanderdünen.
Enttäuschend war für uns Kaliningrad, eine Stadt ohne Charme, mit viel Autos und sehr renovierungsbedürftigen Häusern und Infrastruktur.
Als wohltuend und angenehm würden wir besonders die litauischen Badeorte Nida und Palanga hervorheben, städtisch hat bei dieser Tour ganz klar Riga unsere 5 Sterne bekommen.
Dank des tollen Wetters haben wir die Landschaften mit viel Sonnenlicht und schönem Wolkenspiel betrachten können.

R1 Tour 2017
Etappe #0: Zwischenstopp in Malbork (Marienburg)
Mit dem Zug von Berlin nach Elblag – 2x umsteigen und völlig unterschiedliche Fahrrad-Bahntransport-Erfahrungen.


Wir machen einen Zwischenstopp in Marienburg, um uns diese sagenhafte Burganlage anzuschauen.




Etappe #1: Elblag – Frombork (Frauenburg) 40km
Um 17:30 erreichen wir Elblag mit dem Zug. Wir starten quasi dort, wo wir letztes Jahr unsere Tour beendet haben. Ein tolles Gefühl – wir sind wahrscheinlich auf unserem vorletzten Abschnitt der großen Tour.




Nach 40 km Einradeln samt den ersten „Bergen“ erreichen wir um 21:00 unser Hotel in Frombork. Das Hotel hat einen kleinen Außenbereich, den wir gern für das erste (und diesmal einzige) Abendmahl in Polen nutzen um den Tag genussvoll ausklingen zu lassen.
Etappe #2: Frombork -Kaliningrad (RUS) 76km
Diese Etappe war durch mehrere Besonderheiten gekennzeichnet. Eine davon war das unglaublich vielfältige und reichhaltige Frühstücksbuffet im Hotel. Wir sollten uns zwei Tage später in Russland sehnsüchtig daran zurück erinnern! Der Tag begann also sehr kulinarischen. Kulturell ging es weiter – die Besichtigung von Frombork mit dem Dom und dem Grab von Nikolaus Kopernikus war mit dem Blick auf Frisches Haff und Nehrung eine ganz klare Empfehlung. Russland war in der Ferne bereits zu erahnen.




Nach ca 20 km erreichen wir die Grenze zum Kaliningradski Oblast und damit Russland und müssen hier durch eine Grenzkontrolle mit Visa-Pflicht. Wir reihen uns brav in die Autoschlange am Grenzübergang ein und lassen die erste Passkontrolle nach 2.300 km seit unserem Start in Calais über uns ergehen. Ein merkwürdiges Gefühl, an das man gar nicht mehr gewöhnt ist. Auf der russischen Seite gibt es, so wie bereits in Polen auch, keinen Radweg – wir fahren großflächig auf normalen Verkehrsstraßen. Dabei war insbesondere die 40 km lange Anfahrt nach Kaliningrad auf der ehemaligen Reichsstraße 1 mit starkem Autoverkehr schon etwas nervig. Man konnte sich nie sicher sein, ob die LKWs mit genügend Abstand überholen.


Kaliningrad selbst ist schon sehr bizarr – massiver Autoverkehr, schmale Fußwege, wenig bis kein Grün, sozialistische Plattenbauten in unterschiedlichen Verfallsstadien, marode Bürgersteige, dazwischen prunkvolle neue Konsumtempel und orthodoxe Kirchen – alles in allem, von dem einstigen Königsberg ist eigentlich nur der wiederaufgebaute Dom übrig. Aber uns ist bewusst, wer die eigentliche Verantwortung für die Auslöschung des alten Königsberg trägt.
So verwundert es nicht, wenn es auch wenig Lokale oder Kaffees in dieser 500.000 Einwohner zählenden Stadt gibt. Wir finden einen Platz in einem riesigen Vergnügungstempel, die einzige Möglichkeit in der Nähe unseres Quartiers für ein Abendbrot.
Etappe #3: Kaliningrad – Swetlogorsk 70km
Nach dem Frühstück geht es noch eine Runde durch Kaliningrad mit Dom und einem Besuch im Bunkermuseum, wo die Geschichte der letzten Tage von Kaliningrad vor der Kapitulation 1945 mitzuerleben ist. Leider sind viele der Beschilderungen und Beschreibungen nur auf Russisch, was verwundert, da ja hier auch sicher viele deutsche oder andere ausländische Touristen vorbeischauen und gerade hier auch deutsch-russische Geschichte geschrieben wurde.
Dagegen überrascht uns eine Bäckereikette namens ‚Königsbäcker‘, die leckere Wegzehrung bietet. Doch ein Anzeichen auf eine Rückbesinnung auf alte Zeiten?
Als Radfahrer hat man es in Kaliningrad nicht leicht. Vielfach bleiben nur die Bürgersteige in der bereits genannten Qualität für ein einigermaßen gefahrloses Vorwärtskommen.






Wir verlassen die Stadt auf einer großen Ausfallstraße und sind froh, bald darauf auf wenig befahren z.T. sehr schönen Alleen gen Norden der Ostsee entgegen zu radeln. Dörfer und Menschen am Wegesrand lassen uns manchmal in einer ganz anderen Welt fühlen. Nach 70km erreichen wir Swetlogorsk, ein russisches Ostseebad, das wir am Sonntagabend mit viel Rummel erleben, unzähligen Bernsteinständen und einer ‚interessanten‘ Strandpromenade aus sehr viel Beton, die nur einen schmalen Sandstreifen für Badelustige übrig lässt – für uns kein einladender Ort zum Verweilen am Strand.



Etappe #4: Swetlogorsk – Nida (Litauen) 94km
Wir kommen an einem riesigen Casino mitten in der Pampa vorbei, passieren das ebenfalls sehr gut besuchte, aber auch nicht schönere Ostseebad Zelenograd und kommen kurz darauf auf eines der Highlights der diesjährigen Tour – die Kurische Nehrung. Fast 100 km Strecke auf der z.T. nur 400 Meter schmalen Landzunge mit tollem Ostseestrand auf der einen und gelegentlichen Blicken aufs Kurische Haff auf der anderen Seite. Meist geht der Weg aber schnurgerade im Wald nach Nordosten. Der Verkehr nimmt mit spürbar ab, ein angenehmes Fahren. Kurz vor der Grenze zu Litauen dann noch ein Stopp – einen Besuch der riesigen Wanderdüne sollte man sich nicht entgehen lassen.


Kurz darauf verlassen wir Russland und reisen wieder in die EU ein.
In Litauen erleben einen totalen Szenerie-Wechsel, tolle Radwege! Und das auf unserer gesamten Strecke durch Litauen. Kurz darauf erreichen wir unsere Etappenziel den wunderschönen Ort Nida am Kurischen Haff.
Der kleine Ort Nida begeistert durch seinen Charme und die vielen Lokale, Cafés und interessanten Leute.




Etappe #5: Nida – Palanga 85km
Heute führt uns unser Weg von Nida nach Palanga, einem weiteren beliebten Ostseebad in Litauen.
Es geht weiter über die Kurische Nehrung – landschaftlich sehr beeindruckend.
Wir überlegen nur kurz, ob wir wenige Kilometer nach dem Start schon wieder vom Sattel steigen. Aber auch die nächste Wanderdüne ist atemberaubend – riesig und von der Natur über Jahrhunderte geschaffen.



Zur Mittagspause folgen wir dem Tipp des Radreiseführes und machen einen Umweg über die „Berge“ zur Haffseite nach Juodkrantė, des Fischessens wegen.
Am Ende der Kurischen Nehrung geht es dann mit der Fähre wieder aufs Festland – nach Klaipeda, ehemals Memel. Hier gibt es auf dem zentralen Marktplatz das Denkmal für Ännchen von Tharau – ein in Deutschland sehr bekanntes Lied gedichtet von Simon Dach, nach dem gleich eine ganze Strasse in Berlin benannt ist.




An unserem Zielort Palanga haben wir abends das Glück, durch Zufall ein Restaurant zu finden, in dem wir später merken, dass es gleichzeitig auch ein Freilichtkino ist. So sehen wir zu unserem Abendmahl den Film TSCHICK in deutschem Originalton mit litauischen Untertiteln – sehr schön.

Etappe #6: Palanga (Litauen) – Liepaja (Lettland) 80km
Wir fahren von Litauen nach Lettland – diesmal ohne Grenzkontrollen, ein erleichterndes Gefühl…
Bevor es losgeht schauen wir noch mal am Strand vorbei. Die Promenade ist sehr belebt und der Strand lädt zum Baden ein.


Unterwegs – kurz vor der Lettischen Grenze – gibt es eine schmale Holzbrücke, auf der sich die Menschen in beiden Richtungen vorbeidrängen – sobald ein Fahrrad oder Kinderwagen auf der Brücke ist, ist der Gegenverkehr blockiert. Es ist nicht ganz einfach eine Lücke abzupassen, um auf die andere Seite zu kommen.


In Lettland gibt es den Euro seit 2014, insofern fühlen wir uns währungstechnisch auch wie in Litauen wieder ‚zu Hause’…

Das für uns besondere an diesem Strandabschnitt in Lettland sind die – im gefühlten 500m Abstand stehenden – Toilettenhäuschen im Marine-Look.
Leider sind in Lettland die Radwege wieder „Geschichte“. Wir hatten uns schon fast wieder daran gewöhnt, sind aber ganz schnell auf dem Boden der lettischen Tatsachen zurück. Die starke befahrene Fernstraße wird bei laufendem Verkehr erneuert. Das Fahrradfahren auf der halbseitig gesperrten engen Straße in für Autos gemachten Ampeltakten ist ein absolutes ‚Erlebnis‘. Wir überstehen das unbeschadet.
Etappe #7: Liepaja – Jurkalne 77km
In Liepaja machen wir noch eine kleine ‚Stadt’rundfahrt , bevor wir uns auf die Route begeben. Liepaja war früher der größte Stützpunkt sowohl der russischen wie auch sowjetischen Marine im Ostseeraum, bevor dieser dann 1994 geräumt wurde. Die Stadt war daher lange zu großen Teilen Sperrgebiet und bietet nun eine bizarre Mischung aus morbidem Charme mit einzelnen architektonischen Highlights, einer futuristischen Konzerthalle und gaaanz viel Raum für Stadtentwicklungsideen.



Im Stadtteil Karosta, dem ehemaligen Marinestützpunkt, schauen wir uns die Basilika an, die allerdings in starkem Kontrast zu den umgebenden – eher verfallenen – ‚Neu’baublocks steht.


Hinter Liepaja erwartet uns eine Schotterpiste, die wir ganze 35 km nicht mehr los werden.


Das Fahren ist insbesondere auf Grund der vielen losen Steine und ständig wechselnden Spurrillen für Mensch und Material sehr anstrengend. Gelegentlich brettern PKW in für diese „Straßen“verhältnisse atemberaubenden Tempo an uns vorbei. Manche Insassen winken, uns ist nicht wirklich danach zumute, zurück zu winken. Am Ende machen wir 3 Kreuze, dass wir und unsere Räder diese Tortur überstanden haben.
Jurkalne – ein kleiner Ort – mit einem feinen Restaurant und wildem Strand mit Steilküste, bietet im Abendlicht eine herrliche Kulisse für ein Bad zum Tagesausklang … zumal in unserem einfachen Cottage (25Euro) auch gar keine Dusche vorhanden ist.




Etappe #8: Jurkalne – Tukums 132km
Diese Etappe ist die längste unserer Tour.
Wir verlassen die Küste und fahren nach Osten. Es ist schwierig, ein Quartier zu finden. Wir müssen spontan beschließen, 30 km weiter als geplant zu fahren. Entsprechend spät kommen wir in Tukums an. Die ohnehin spärliche Gastronomie sieht dem Feierabend entgegen oder genießt ihn bereits. Wir finden ein letztes offenes Restaurant, sehr schick. Wir bekommen etwas zu essen, aber das Bier ist gerade aus. Wir teilen uns das letzte Glas. Die Hotelbar hat Gott sei Dank noch geöffnet.



Etappe #9: Tukums -Riga 75km
Bei 33 Grad fahren wir die letzte Etappe dieser Tour mit schönen Strandeindrücken – mal leerer und das andere mal voller…Menschen….


Der Weg führt dabei größtenteils nah am Rigaer Meerbusen entlang, was die Hitze erträglich macht. Beeindruckend ist das 30 km lange Seebad Jūrmala mit seinen Villen und Sommerhäusern.
Gegen Abend erreichen wir Riga, rechtzeitig vor dem einzigen aber sehr heftigen Gewitterguss.
Nach einer kurzen Pause machen wir uns noch auf in die Stadt, sehen diese in starken Kontrasten des dunkelblauen Abendhimmels und bekommen einen ersten schönen Eindruck von der tollen Altstadt mit vielen Restaurants, dem Dom, Kirchen, belebten Plätzen und alten Gassen.




Am nächsten Tag nutzen wir den Vormittag zu einer etwas ausführlicheren Besichtigung und sind nach wie vor sehr angetan von der Hauptstadt Lettlands.





Auf dem Weg zum Flughafen kaufen wir noch Folie zum Verpacken der Fahrräder. Viele Geschäfte, insbesondere Supermärkte sind auch sonntags geöffnet, was uns in diesem Fall sehr zu Gute kommt, können wir doch den notwendigen Einkauf auf direktem Weg zum Flughafen erledigen.




Damit geht die diesjährige – ebenfalls wieder sehr schöne – Tour zu Ende. 2018 wird es dann weiter gehen – Richtung St. Petersburg.
