R1 Tour 2018 : Riga -St Petersburg 930km

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Zusammenfassung

Es ist vollbracht. Über 4000 km quer durch Europa, 9 Länder, unzählige Städte – unsere Highlights: Brügge, Utrecht, unsere Heimatstadt Berlin natürlich, Chelmno, der Abstecher nach Malbork, Kaliningrad (mit eher ambivalenten Eindrücken), Riga und
St. Petersburg – ganz verschiedene Landschaften wie die Küsten am Kanal, an Nord- und Ostsee, die Kurische Nehrung, Peipussee, aber auch bergige Gegenden wie Teutoburger Wald, Harzrand und die höchste Erhebung des Baltikums. Wir haben das Mündungsdelta von Schelde, Maas und Rhein überquert – die Fahrt über die Deltawerke war dabei besonders beeindruckend – sind am Oude Rjin und Nederrijn entlang gefahren, haben Ijssel, Weser, Elbe, Oder, Wisla, Daugava, Narva und Newa gekreuzt, viele interessante Menschen getroffen, ganz unterschiedliche Qualitäten von Radwegen kennengelernt und das meist bei gutem Wetter und vor allem ohne Unfälle und Pannen.

Die diesjährige Tour hatte es noch mal in sich, lagen doch über 900 km bis nach St. Petersburg vor uns. Und die Entfernungen von/nach Berlin lassen nur das Flugzeug für An- und Abreise zu. Wir haben also einen definitiven Abflugtermin in St. Petersburg, den wir erreichen müssen. Für die Besichtigung der Stadt haben wir aber 2 Tage Zeit eingeplant, genug Reserve also.

Die diesjährige Tour ist geprägt von starken Gegensätzen – nach mehreren Tagen Fahrt durch dünnbesiedelte Gebiete in Est- und Russland erschlägt einen fast die städtische und kulturelle Wucht von St.Petersburg. Ähnlich ging es uns ein paar Tage zuvor auf der Fahrt von Ivangorod nach Kingisepp – 20 km nahezu schnurgeradeaus auf der dicht befahrenen A 180.

In Estland machten wir total unterschiedliche Abendessenerfahrungen: Einem himmlischen mehrgängigen, als ‚Simple Food‘ angekündigten Menü in der traumhaften ‚Location‘ Vaskna Turismitalu bei Haanja auf der einen Seite stehen verzweifelte, aber leider erfolglose Versuche der Restaurantsuche in Valga und Räpina gegenüber. Gott sei Dank haben die Supermärkte in Estland lange geöffnet.

Highlights der diesjährigen Tour waren Tartu, die Siedlungsgebiete der Seto in der Region Setumaa und der Altgläubigen am Peipussee, der Peipussee selbst und das russisch-orthodoxe Nonnenkloster in Kuremäe. St.Petersburg bildete den krönenden Abschluss sowohl der diesjährigen als auch der gesamten R1 Tour.


Etappe #0: Riga

Da wo wir im letzten Jahr unsere Tour beendet haben, starten wir naturgemäß auch wieder.

Nachdem wir die Fahrräder vom Flug- in den Fahrmodus gebracht haben nehmen wir uns die Zeit, die Stadt noch mal für einen halben Tag lang zu beschauen und u.a. auch festzustellen, dass hier derzeit die von der Berliner Familie Herlitz initiierte United Buddy Bears Ausstellung gerade Station macht.

Riga gefällt uns – so wie im letzten – auch wieder in diesem Jahr und wir sind froh, noch ein wenig Zeit hier zu verbringen.


Etappe #1: Riga – Cesis: 110km

An diesem Tag starten wir unseren letzten Abschnitt der R1 Tour mit dem ersten Etappe, die uns bis Cesis führt. Wir ignorieren die Empfehlung des Radreiseführers, den Zug zu nehmen, und wählen die südliche Route nach Sigulda. Wir finden aus Riga heraus und bereuen unsere Wahl nicht. Der Weg ist allerdings von der Streckenführung her sehr wechselhaft, z.T. stark befahrene Straßen, Baustellen und hinter Sigulda leider auch wieder ein sehr langer Schotterabschnitt mit Steigungen.

Cesis – eine kleine nette Stadt in Lettland ist auch bekannt für die Sage, dass hier die lettische Fahnensymbolik herrührt. Nach Überlieferungen wurde hier einst der lettische König Visvaldis im Kampf gegen fremde Eindringlinge verwundet. Als er sich auf die weiße Flagge der Kapitulation legte und starb, färbte sein Blut die Fahne rechts und links seines Körpers in tiefem Rot. Da, wo der Körper des Königs lag, blieb das Banner weiß. Seit 1270 ist das rot-weiß-rote Banner schriftlich bezeugt. Nach 1870 wurde es zur lettischen Nationalflagge.


Etappe #2: Cesis -Valga: 95km

Bevor wir starten, stärken wir uns mit einem Frühstück in einem der Unterkunft  nahegelegenen Hotel  in Cesis mit schönem Ausblick auf einen angrenzenden Park. Für 10 € können wir hier ein reichhaltiges Büfett genießen.

Am Zielort, der Doppelstadt Valka/Valga, erreichen und überschreiten wir die Grenze von Lettland nach Estland. Bis in die 90iger Jahre gab es hier noch einen bemannten Übergang, heute fährt man einfach durch …

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Am Grenzübergang in Valka

Zitat:
Mit der Unabhängigkeit von Lettland und Estland nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 gab es wieder eine Staatsgrenze mit Zollkontrollen. Valka befand sich plötzlich im Hinterland und verlor infolge von Problemen bei der wirtschaftlichen Umstellung an Einwohnern. Im Jahre 2007 traten beide Staaten dem Schengen-Abkommen bei, so dass heute Freizügigkeit herrscht und die beiden Schwesterstädte viele gemeinsame Aktivitäten entfalten.

Wikipedia

In Valga haben bei unserer Ankunft um 19:00 Uhr alle Lokale schon geschlossen, so dass wir uns im Supermarkt unser Abendessen erwerben und dieses zusammen mit dem  Abend in einem nahegelegenen Park bei sommerlichen Temperaturen genießen.


Etappe #3: Valka – Haanja: 90km

Der Weg ist auch diesmal mit ein paar km langen Schotterpisten + Steigungen angereichert. Zum Glück halten wir und unsere Fahrräder gut durch. Unterwegs müssen wir kurz Zuflucht vor einer nahenden schwarzen Wolkenwand suchen.

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Wir erklimmen zum Schluss der Etappe noch schnell die Gegend um die höchste Erhebung des Baltikums, so dass wir nach einer relativ anstrengenden Etappe erleichtert dem Endpunkt entgegenfahren.

In Haanja erreichen wir unser Ziel – die an einem See gelegene, in eine sehr schöne großzügige Anlage eingebettete Herberge VASKNA TALU. Wir nutzen die Gelegenheit zu einem Bad im See, bevor wir von der Herbergs-‚Mutter‘ Margit mit einem super leckerem Abendmahlverwöhnt werden und den Abend auf der Terrasse gemütlich ausklingen lassen. Eine herrliche Belohnung für die Strapazen des Tages!

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 Etappe #4: Haanja – Räpina: 85km

Nach dem Start geht es noch kurz auf den Aussichtsturm auf dem Berg Suur Munamägi, dem höchsten Punkt des Baltikums.

Auf dem Weg sehen wir unwahrscheinlich viele Störche, manchmal Kraniche und Greifvögel.
Wir erreichen das Setumaa-Gebiet, in dem die Minderheit der Seto lebt. Bei der Kaffeepause in Obinitsa gelingt ein Schnappschuss eines Mannes in Seto-Tracht. Im Nachhinein erfuhren wir, dass dies der amtierende „König“ war, der kulturelle Anführer der Seto in Estland. Hätten wir das nur vorher gewusst! Er möge uns diese Unbotmäßigkeit bitte verzeihen.

Kurz vor unserem Zielort sind wir ganz nah am Peipussee, können ihn aber diesmal (noch) nicht sehen. In Räpina angekommen müssen wir feststellen, dass sowohl das Hotelrestaurant als auch alle weiteren Imbissmöglichkeiten an diesem Tag geschlossen sind, so dass wir wieder in den Selbstversorgermodus übergehen und uns unser Abendbrot in einem der hier durchgehend bis 22:00 Uhr geöffneten Supermärkte erkaufen müssen.


Etappe #5: Räpina – Tartu: 70km

Heute geht es meist nach Nordwesten, was sofort den (Gegen-)Wind auf den Plan ruft. In Mooste machen wir einen Abstecher zur rekonstruierten Gutsanlage Mooste Mõis. Sehr sehenswert und alt – okay, das meiste zumindest.

Tartu überrascht uns mit viel Lebendigkeit, einer sehenswerten Altstadt, und – für den bisherigen Weg eher unüblich – ausgesprochen vielen Lokalen, die unterschiedlichste Geschmäcker bedienen und in denen es sich – auf Grund der vielen Fußgängerbereiche – auch sehr gemütlich sitzen lässt.

Die Übernachtung im TAMPERE MAJA im Zentrum von Tartu ist sehr angenehm, im ältesten Holzhaus dieser Stadt.

Am Abend unternehmen wir noch eine kleine Stadtbesichtigung, u.a. zur Domruine, einer sehr imposanten Anlage, die das Ausmaß der ursprünglichen Form eindrucksvoll erahnen lässt.


Etappe #6: Tartu – Mustvee: 98km

Bevor wir uns auf den Weg machen, fahren wir noch eine kleine Runde durch die Stadt, die mit neuer Morgensonne den schönen Eindruck des Vorabends  in Tageslicht taucht.

Nach vielen km : Wir kommen dem Peipus-See nun immer näher und erreichen die dort liegenden Dörfer der Alt-Gläubigen.

Der See ist beeindruckend groß und laut Wikipedia der fünftgrößte Binnensee Europas. Das Wasser selbst war unheimlich warm, was bei dem anhaltend heißen Sommer in diesem Jahr in Europa auch nicht weiter verwundert.

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Das Ankur Hotel in Mustvee ist sauber, aber eher unspektakulär.
Wir schaffen es gerade noch, in einem kleinen Restaurant am See vor dessen Feierabend etwas zu essen bekommen und genießen das Mahl mit einem schönen Blick über den See.


Etappe #7: Mustvee – Kloster Kuremäe: 98km

Da es nicht allzu oft die Gelegenheit gibt, die Sonne über einem See oder einem Meer aufgehen statt untergehen zu sehen, wird diese Attraktion Bestandteil des Tagesablaufes, trotz der damit verbundenen frühen Aufstehzeit von 05:00 Uhr.

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Sonnenaufgang am Peipus-See in Mustvee

Nach einem Bad am Nordufer – Strand und Wellen erinnern stark an die Ostsee – verlassen wir nach 225 km am bzw. mehr oder weniger in der Nähe den Peipussee und fahren weiter Richtung Norden. Elche haben wir allerdings nur auf Verkehrsschildern zu Gesicht bekommen.

Heutiges Tagesziel ist der kleine Ort Kuremäe, der vom russisch-orthodoxen Nonnenkloster Pühtitsa dominiert wird.
Die Klosteranlage ist beeindruckend und erstrahlt besonders schön im Abendlicht. Zu später Stunde machen wir noch einen schönen Spaziergang um die Klosteranlage und sehen die ersten Windräder, offensichtlich dienen sie der Stromversorgung des Klosters.


Etappe #8: Kloster Kuremäe – Ivangorod: 98km

Heute geht es zunächst an die Ostsee und dann in Richtung russischer Grenze und den Übergang in der Grenzstadt Narva.

Der Name des Städtchens hat allerdings keinen Bezug zu dem – unter Leuchtmittel-Fans bekannten – Markennamen NARVA.

Interessant sind die völlig Sonnenschirm- , Rettungsschwimmer- und Café-befreiten Strandabschnitte.

Es folgt der wohl schlechteste Wegabschnitt auf dem gesamten R1. Unglücklicherweise hat der Wind auf Ost gedreht, was das „Fahrvergnügen“ perfekt macht. Aber das ist beides Gott sei Dank nur von kurzer Dauer.

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Besonders skurril wirkt die ‚Strandpromenade in Sillamäe. Wo in DE ein Restaurant neben dem anderen wäre, ist diese Strandpromenade einfach nur fast leer.
Offenbar wirkt die sowjetische Vergangenheit – Sillamäe war als Zentrum der Urangewinnung und -aufbereitung eine ‚geschlossene‘ Stadt, die sogar von den meisten Landkarten verschwand – bis heute nach. Die stalinistischen Prunkbauten im nahezu menschenleeren Stadtzentrum lassen diese frühere Rolle noch nachwirken.

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Abends erreichen wir den Grenzübergang in Narva und kommen problemlos rüber nach Russland. Nach Erledigung der Formalitäten scheitern wir nur beinahe am Verlassen des russischen Grenzgebäudes. Der dazu erforderlich Türöffner war nur in Russisch beschriftet und uns sein Zweck daher zunächst entgangen. Das Nur-Russische in Schrift und Wort wird uns die nächsten Tage begleiten.
Die Abendstimmung an der Narva ist sehr schön und so genießen wir vor und nach dem Übergang den Blick auf die großen mittelalterlichen Festungsanlagen auf beiden Seiten.

 Wir verbringen die Nacht im wohl einzigen freien Hotel in Ivangorod. Stadt und Hotel kredenzen ihren eigenen ‚Charme‘. Nun ja, wir haben eine Unterkunft und staunen am nächsten Morgen über Inhalt und Prozedere der Frühstücksservierung –
2  Styroporbehälter werden aufs Zimmer gebracht – das war’s …

Na dann kann es ja ‚gut gestärkt‘ weitergehen 🙂


Etappe #9: Ivangorod – Elena Home Stay: 108km

In Russland geht es nun weiter nordöstlich – immer auf Haupt- oder Nebenstraßen entlang. Es gibt hier keine Fahrradwege, geschweige denn R1-Wegweiser.
Die ersten 20 km schnurgeradeaus auf der A 180 sind dabei besonders „eindrucksvoll“.

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Unsere Mittagspause legen wir an der nächsten bemerkenswerten Impressionen dieser Etappe ein. So unwahrscheinlich es auch aussieht, diese Kirchenruine hält ihren Innenraum mit Ikonenbildern zum Gebet bereit.

Gegen Abend erreichen wir unsere Unterkunft bei Elena und Sascha, einem sehr sehr freundlichen Pärchen, in einer neu gebauten Siedlung. Die findet man aber nur, wenn man einen Reiseführer oder eine genaue Wegbeschreibung als Begleiter hat.

Wir werden prächtig bewirtet und starten abends noch zu einer längeren Autofahrt, um uns gemeinsam das Lichtfestival im Park des Zarenschlosses in Gattschina anzusehen.

Sehr ungewöhnlich für uns, wir sind erst gegen 02:00 Uhr im Bett.


Etappe #10: Elena Home Stay – St Petersburg: 73km

Nach einem reichhaltigen Frühstück gibt es noch ein (vorläufiges) Abschiedsfoto und wir starten zu unserer finalen Etappe nach Sankt Petersburg – im Regen – aber mit Sonne im Herzen, ob dieser schönen und herzlichen Begegnung im Elena Home Stay.

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Abschied vom Elena Home Stay

Nach ca. 35 km erreichen wir PETERHOF. Die ursprünglich unter Peter I. errichtete und unter seinen Nachfolgern ausgebaute Palast- und Parkanlage gilt als „russisches Versailles“ und ist seit 1991 Weltkulturerbe der UNESCO.

Wir sind absolut beeindruckt von diesem Ensemble aus Park und Palast, Figuren und Brunnen, dem vielen Gold, den Farben und Formen.

Von hier aus geht es weiter Richtung Osten – dem Etappenziel entgegen. Auch diese im Radführer nicht empfohlene Hauptstraße lässt sich in unseren Augen problemlos fahren. Es gab schon schlimmere Abschnitte am R1.

Im Regen erreichen wir nach 10 km den Stadtrand von St Petersburg  und fahren dann bestimmt noch mal 30 km durch die Stadt, ehe wir im Zentrum unser Ziel erreicht haben.

Es ist geschafft – 4000 km in 5 Jahren, 9 Länder & keine Radpanne !!!


2 Tage St. Petersburg

Wir nutzen natürlich unser Rad, um die Stadt umfassend zu erkunden. So viele unterschiedliche Gesichter und Eindrücke sind kaum in 2 Tagen zu erfassen, insofern ist das Rad dabei sehr behilflich, wobei es natürlich mitten im Verkehr auch nicht allzu romantisch ist.

Immerhin sind uns in den 2 Tagen ganze 5 Radwege aufgefallen, deren Gesamtlänge aber geschätzte 2 km beträgt. Insofern hoffen wir, dass die dort keimenden Initiativen zur Förderung des Radverkehrs baldige Nahrung bekommen und St Petersburg in Zukunft diesem Verkehrsmittel mehr Raum einräumt.

Tag #1: 27 km – Highlight Tour

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Tag #2: … km – noch mehr Highlights

Am Abend treffen wir Elena und Sascha in St. Petersburg wieder. Da sie alle erdenklichen Radservices anbieten, haben wir das „Rundum-Sorglos-Paket“ für den Rücktransport der Fahrräder gebucht. Sie versorgen uns zunächst mit Fahrradboxen, die wir für den Rückflug mit Aeroflot unbedingt benötigen. Wir haben so mehr Zeit für diese herrliche Stadt und können den letzten Abend hier ganz entspannt genießen.

Am nächsten Tag wird Sascha uns und unsere Räder zum Flughafen fahren – und uns zuvor noch so richtig „aus der Patsche“ helfen. Doch das ist eine andere Geschichte.
Большóе спасибо, Caшa!

Wir können die Gastfreundschaft von Elena und Sascha und ihren „Fernradler-Servicepoint Sankt Petersburg“ nur wärmstens empfehlen.

Ein ganz besonderer Dank geht an Detlef Kaden und sein Team vom IS.RADWEG. Informationsservice. Die in den verschiedenen Teilen der Europaradweg R1 Radreiseführer gegebenen Informationen und Hinweise sowie die durchweg sehr guten Karten waren extrem wertvoll. Ohne diese wäre unsere Tour in Frankreich, Polen, Lettland und Russland sicherlich unmöglich gewesen.


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