Zusammenfassung R1 2014
Der Beginn unseres R1 Tourenprojektes war zweifelsohne ein Erlebnis, welches uns in mehrfacher Hinsicht in Erinnerung bleiben wird. Wir haben in 10 Tagen 3 Länder durchquert und durch 727 km sehr viel im doppelten Sinne des Wortes erfahren können.
Nachhaltig in Erinnerung sind uns von all den vielen Eindrücken besonders die Kathedrale von St.Omer in Frankreich, die historische Altstadt von Brügge, die diversen Geschmäcker belgischer Biere, das radfahrende Volk der Niederlande mit seinen freundlichen Menschen, die unwahrscheinlich breiten Strände der Nordsee, die Sturmflutwehre, die vielen historischen Zeitzeugen der beiden Weltkriege, das äußerst gut ausgebauten Fahrrad-Wege-Netz in Holland, die vielen Kanäle, kleinen Flussarme und die immer wieder zu sehenden Flussbrücken.
Das städtische Highlight ist für uns Utrecht – eine Stadt mit Seele – so könnte man sie in aller Kürze wahrscheinlich am besten beschreiben.
Alles in allem ein runder Mix aus Fahren, Erkunden, Entdecken und Bestaunen.
Danke an das Wetter, die vielen freundlichen Leute, unsere Fahrräder, welche uns so weit getragen haben, und an die Autoren des R1 Fahrradheftes aus dem IS Radweg Verlag.

R1 Tour 2014
Etappe #1: Calais – St. Omer 57km
Um 14:00 Uhr Ankunft am Ausgangspunkt unserer Tour – nach einer Nachtzugfahrt von Berlin nach Paris und dann weiter nach Calais.
Irgendwie ist es ein guter ‘Zufall ‘ , dass wir in diesem Jahr unser Unternehmen starten, denn der Nachtzug nach Paris fährt im Dezember 2014 das letzte Mal.



Etappe #2: St. Omer – Diksmuide 88km
Der Tag beginnt mit einem außergewöhnlichem Erlebnis. Bevor wir uns auf den Weg machen, besuchen wir noch die Kathedrale Notre Dame in St. Omer.
Als wir in die Kathedrale eintreten, empfängt uns Orgelmusik und eine besondere Atmosphäre. Wir werden Zeuge , wie eine Hochzeit vorbereitet wird, an der ca. 100 Leute teilnehmen werden. Zumindest wurden ca so viele Gesangstexte auf die Stühle gelegt. Die Orgel selbst ist gewaltig, sowohl vom Klang als auch von ihren Ausmaßen.

Nach einer kurzen Zeit der inneren Einkehr starten wir unsere Tour Richtung Watten – hier wollen wir einen Bunker besichtigen, der 1944 zum Abschuss von V2 Raketen gebaut wurde. Es ist das Blockhaus von Eperlecques. Die Ausmaße und die Massivität sind gewaltig, wobei das Wort hier in mehrfacher Bedeutung zu verstehen ist.

Wir sind nachhaltig beeindruckt (nicht positiv) und froh, dass wir in diesen für uns friedlichen Zeiten leben dürfen.
Mit diesen Gedanken im Gepäck fahren wir weiter, überqueren nach ca. 40 km die Grenze zu Belgien, ohne es zu merken, und kommen gegen 21.00 Uhr in dem kleinen belgischen Städtchen Diksmuide an.
Etappe #3: Diksmuide – Brügge 60km
Ein sonniger Morgen begrüßt uns in Diksmuide. Nachdem wir gestern relativ lange nach einem Quartier gesucht haben, erfahren wir, dass es in diesem Sommer sehr viele Besucher gibt, die sich in diesem Teil von Belgien aufhalten, da sich in diesem Jahr der Ausbruch des 1. Weltkrieges zum 100. mal jährt und in diesem Landstrich besonders viele Zeugen des Krieges zwischen Deutschland und Belgien zu besichtigen sind.
Insofern kann man sagen, dass wir auf dieser Tour in besonderer Weise Geschichte im doppelten Sinn des Wortes erfahren.
Wir besuchen den Yserturm, das Mahnmal für die im 1. Weltkrieg gefallenen flämischen Soldaten der belgischen Armee.



Diksmuide mit Altstadt und Yserturm Denkmal
Das Museum ist unserer Meinung nach sehr gut gestaltet, man fährt auf die Aussichtsplattform und läuft dann 22 Etagen abwärts – jede Etage ist thematisch , akustisch und visuell unterschiedlich gestaltet – über verschiedene Blickwinkel wird man Zeuge der Zeit zwischen 1914 und 1918 – und ähnlich wie am Vortag wird wieder ein Teil unserer Geschichte lebendig.
Über Nieuwpoort an der Nordsee geht es weiter Richtung Brügge.


Die Straßenbahn, welche Nieuwpoort mit anderen Orten an der Küste verbindet, ist mit 68km nicht nur die längste ihrer Art in Belgien sondern der ganzen Welt.
Der Radweg ist geprägt von flachem Land, Kühen, Schafen und auf den uns ständig begleitenden Flüssen und Kanälen schwimmenden Enten und Kormoranen.
Gegen 19.00 Uhr erreichen wir Brügge.
Etappe #4: Brügge 0km
Heute ist Stadttag. Der Regen macht uns die Entscheidung leichter. Nach 3 wunderschönen Sonnentagen entschließen wir uns, dass feuchte Wetter zu nutzen, um die zahlreichen sehenswürdigen Dinge von Brügge von Nahem zu betrachten.
Die ganze Altstadt von Brügge gehört zum Weltkulturerbe – für uns erstaunlich und erfreulich dabei ist, dass es weiträumig wirklich wenig Autoverkehr gibt, manchmal sieht man mehr 4 beinige denn 4 rädrige Pferdestärken.
Der Belfried mit seinen 83m und 366 sich im schmalen Kreis windenden Stufen am großen Markt hat es uns angetan, zumal er alle 15 min mit einem einzigartigen mechanisch konstruierten Glockenspiel von seiner Existenz kündet. Wir bewundern im Nachgang die bautechnischen wie auch musikalisch-mechanischen Ideen und Fertigkeiten der ehemaligen Bauherren. Belfriede sind typisch für Flandern und künden vom Reichtum und Wohlstand der damaligen Städte.



Brügge – Weltkulturerbe
Neben dem Laufen durch zahlreiche schöne Gassen kann man die Stadt auch mit einer Kanalfahrt erkunden und genießen.
Die Besonderheiten Belgiens finden sich natürlich auch in Brügge wieder, die Schokolade bzw. Pralinenkunst und eine stattliche Anzahl von unterschiedlichen Bieren.
Etappe #5: Brügge – Middelburg 63km
Dieser Tag führt uns vom alten Brügge an die Küstenlandschaft der Nordsee. Auf unserer Fahrt haben wir einen sehr treuen Begleiter – den WIND. Gefühlt begrüßt er uns immer wieder von vorne mit ganzer Kraft, so dass das Fahren mit einer längeren Bergetappe vergleichbar scheint.
Als wir ca. 15 km von Brügge entfernt die Grenze zu den Niederlanden passieren, fällt uns abermals auf, dass es , so wie auch zwischen Frankreich und Belgien, gar keine Grenzmarkierungen oder Grenzsteine mehr gibt. Nur andersfarbige Verkehrs- oder Hinweisschilder künden von einem neuen Land.




Etappe #6: Middelburg – Oostvoorne 117km
Diese Etappe über mehrere Inseln entlang der Nordseeküste ist bis jetzt die für uns landschaftlich beeindruckendste.
Das Wetter zeigt sich von der besten Seite und wir fahren im Gegensatz zum gestrigen Tag oft mit Rückenwind, welcher unsere Freude am Fahren zusätzlich steigert.
Dieser Landstrich hat seine eigene Faszination: sehr breite Strände (bei Ebbe), eine schon fast bergige ausgedehnte Dünenlandschaft, krüppelige Kiefernwälder, ein grünes, mit Kanälen und kleinen Seen durchsetztes Hinterland und sehr lieb gestaltete Dörfer und Ortschaften.







Das Überfahren der riesigen Sturmflutwehre, wir passieren 4 Stück, ist beeindruckend – mit welchem hohen technischen Aufwand hier versucht wird, sich gegen die Naturgewalten des Wassers zu schützen. Bis jetzt sind diese Maßnahmen erfolgreich und haben so seit dem letzten großen Hochwasser 1953, als es noch keine Wehre gab, Menschen, Tiere und Ortschaften vor der Kraft des Wassers schützen können.


Oosterschelde an der Nordseeküste
Die Fahrt durch die wilde Dünenlandschaft und die dazwischenliegenden Blicke auf den Nordseestrand – der hier an vielen Orten sehr gut bemenschelt ist – es sind schließlich Ferien – erfreuen unsere Herzen. Um 20.00 Uhr erreichen wir nach unserem derzeitigen Tagesrekord Oostvoorne und freuen uns auf ein stärkendes Abendmal und eine mit einem gemütlichen Bier untermalte Reminiszenz an diesen wunderschönen Tag.
Etappe #7: Oostvorne – Hazersvoude Dorp 82km
Diese Tour könnte die Überschrift KONTRASTE tragen.
Wir starten noch im Grünen aber schon mit Blick auf Maasvlakte, einer künstlich aufgeschütteten Insel, auf welcher sich eine großflächige Industrielandschaft angesiedelt hat und die mit zahlreichen Container Ent- und Beladevorrichtungen sowie Öltanks den nahegelegenen Hafen Rotterdam zum derzeit größten Europas macht.
Von hier führt uns eine Fährverbindung nach Hoek van Holland.




Zur Überfahrt nach Hoek van Holland
Auf dem Festland verwöhnt uns wieder die schon in den letzten Tagen liebgewonnene Küstenlandschaft mit unglaublich breiten Stränden und einer rauen Dünenlandschaft.


Wir erreichen das Seebad Scheveningen und damit Den Haag. Hier trüben leider etliche Bausünden den Blick, aber die zahlreichen Touristen scheinen sich an den vielen Restaurants, Vergnügungen und der Aussicht auf ein Bad zu erfreuen.





Den Haag
In Den Haag selber erwartet uns eine Mischung aus Altstadt und Neubauten. Wir nehmen uns die Zeit, den Friedenspalast mit dem internationalen Gerichtshof etwas näher anzuschauen und lassen uns mit einem Audio-Guide die Geschichte dieses historischen Gebäudes und der darin befindlichen Institution vermitteln. Interessant finden wir, daß die ursprüngliche Initiative einen internationalen Friedensgerichtshof zu gründen, auf den russischen Zaren Nikolaus den Zweiten zurückgeht und maßgeblich durch die Schenkungen des amerikanischen Milliardärs Andrew Carnegie gebaut werden konnte.
Nach etwa 25 km erreichen wir an diesem Tag unseren Zielort. Begrüßt werden wir auch hier von dem klassischen ‘Symbol’ holländischer Landschaften – einer Windmühle.
Etappe #8: Hazersvoude – Utrecht 65km
Unsere heutige Etappe führt uns vom Land in die Stadt.
Wir fahren kurz nach dem Start durch einen kleinen Ort, der in mehrfacher Hinsicht weltweite Bedeutung hat. Boskoop – sicher bekannt durch die gleichnamige Apfelsorte – ist aber weitaus bedeutender. Denn das ganze Gebiet zählt mit ca. 1.000 Betrieben zu den größten Baumschulgebieten der Welt. Die Pflanzen werden in über 70 Länder exportiert. Wir bekommen während unserer Fahrt einen kleinen Eindruck von der Struktur dieser Baum- und Pflanzenschulen. An die meisten Wohnhäuser schließt sich ein langes Grundstück mit Gewächshäusern bzw. Anbauflächen an.
Gegen Mittag kommen wir am alten Rhein vorbei, der uns zu einer kleinen Imbisspause einlädt. Früher der Hauptstrom ist er heute einfach eine idyllische Refugié, auf der sich entspannt Boot fahren lässt oder an dessen Ufern man Rad fahren oder einfach nur sitzen und die Natur genießen kann.


Von hier aus geht es dann weiter Richtung Utrecht vorbei an grünen – mit Kühen und Schafen bestückten – Wiesen. Ebenfalls an der Wegstrecke finden sich schöne Parks und immer wieder vereinzelte Kastelle oder Gutshäuser.
Am Abend kommen wir in Utrecht an und sind von Anfang an fasziniert – je mehr und je länger wir durch diese von der Abendsonne durchflutete Stadt fahren, desto mehr WOW Effekte haben wir.
Schon bei der Einfahrt sehen wir Leute gemütlich auf dem Rasen sitzen, mit den Zugbrücken im Hintergrund ergibt sich ein für uns sehr entspanntes Bild.




Utrecht – die Stadt der Räder und Brücken
So viele Radfahrer haben wir selten gesehen, mehr als Fußgänger und Autofahrer zusammen. Laut Wikipedia nutzen 60% der Einwohner das Fahrrad als Hauptverkehrsmittel – und zu diesem Spitzenwert passend entsteht in Utrecht gerade der weltgrößte Fahrradstellplatz am Bahnhof für sage und schreibe 12.0000 Fahrräder , erreichbar über 3 Etagen und damit ca. 4x so groß wie Deutschlands größter Fahrradbahnhof mit 3.300 Fahrrädern in Münster.


Wir genießen dieses Flair und haben auch noch das Glück einen Platz am Kanal in einem der zu dieser Zeit sehr gut besuchten Lokale zu bekommen.


Etappe #9: Utrecht – Arnheim 75km
Von der Stadt der Gegenwart zur Stadt mit historischer Vergangenheit.
Was uns den ganzen Weg durch Holland aufgefallen ist, sind die besonderen Verkehrsführungen. Fußgänger und insbesondere Radfahrer werden klar als vollwertige Verkehrsteilnehmer gesehen bzw. sogar bevorzugt. So sind die meisten Straßen mit beidseitigen Fahrradwegen ausgestattet und sogenannte Drempel – angebracht in bestimmten Abständen – verhindern ein rasantes Autofahren. Kommt man in einen Kreisverkehr fährt man als Radfahrer automatisch in eine geschützte Zone, ähnlich einem Fußgängerüberweg.


Augenmerk für Fahrradwege
Ungefähr 20km hinter Utrecht erreichen wir Doorn, einen kleinen Ort mit einem Schlosspark, der historische Bedeutung hat, da hier der deutsche Kaiser Wilhelm II. beigesetzt ist. Nach 1918 erhielt er von der niederländischen Königin Wilhelmina Asyl und lebte hier und im nahegelegenen Amerongen bis zu seinem Tod 1941.

Natürlich achten wir auf der Tour auf die ‘Einhaltung’ der Essens- und Pausenzeiten
So ist ein Kaffee immer willkommen, wie hier in Wageningen, kurz vor Arnheim.



Kurz vor Arnheim müssen wir uns dann aber doch in eine Bushaltestelle “retten” – es strömt im Gießen.
Obwohl Arnheim im Krieg total zerstört wurde, ist es doch – jedenfalls im Kern – nach historischem Vorbild wieder aufgebaut. Aber nach dem gestrigen Tag in Utrecht sind wir natürlich noch sehr am Vergleichen – wohlgemerkt mit einer sehr hohen Referenz.

John-Frost-Brücke , benannt nach dem britischen Oberst, der 1944 während der erfolglosen Offensive jenes Bataillon kommandierte, das als einziges die Brücke erreichte und den nördlichen Teil vier Tage lang verteidigte. Eine Gedenktafel erinnert an die Schlacht und ihre vielen Opfer.
Etappe #10: Arnheim – Haaksbergen 100km
Die letzte Etappe unserer diesjährigen Tour führt uns bis nahe an die deutsche Grenze.
Das erste Wegstück fahren wir durch einen wunderbaren Heide- und Waldabschnitt im Nationalpark Veluwezoom. Hier gibt es einen exzellenten Radweg, der uns ebenso wie die herrliche Landschaft begeistert.

Wie schon in den letzten Tagen ist auch heute eine Flußüberquerung Teil unserer Wegstrecke. Diesmal ‘überfahren’ wir die IJssel.



Kurz darauf erreichen wir das Schloß Hackfort mit einer historischen Wassermühle und einem herrlichen Schlossgarten – der ideale Platz für eine Rast.
Bald darauf wechselt die Bezeichnung unseres R1 Radweges. Wir verlassen den LF 4a und folgen nun dem LF 8a.
Am Abend erreichen wir die sehr geschmackvoll gestaltete Anlage bei Haaksbergen, unsere letzte Unterkunft auf dieser Tour, bevor es dann zum Bahnhof Hengelo geht, um mit dem Zug zurück nach Berlin zu fahren.


Zu erwähnen gibt es vielleicht noch, dass mir 8 km vor unserer letzten Unterkunft ein Kettenglied halb kaputt geht und uns zum Anhalten zwingt.
Nach Feststellung des Wochentages (Sonntag) und Durchsicht unserer Fahrradersatzteile – keiner von uns hat ein Kettenschloss dabei – biegen wir das kaputte Teil wieder so, dass sich die Kette drehen kann. Mit sehr viel Vorsicht gelingt es, so die restlichen km zu fahren.
Am nächsten Tag finden wir glücklicherweise in Haaksbergen ein Geschäft, in dem es ein Kettenschloß gibt, so dass wir die Kette notdürftig ‘flicken’ können. Ich hoffe, dass sie bitte noch die 15 km bis zum Bahnhof Hengelo hält.
Ohne zu schalten fahre ich nach Hengelo, komme am Bahnhof an und – die Kette reißt. Ich bin heilfroh, dass mir mein Wunsch erfüllt wurde, wir unseren Zug auch erreichen und damit fast ohne Pannen gesund und zufrieden wieder nach Berlin fahren.


